Rede der Bürgerinitiative zur Infoveranstaltung am 22.06.2023

Einleitung, Vorstellung BI

Guten Abend, meine Damen und Herren, hier in der Auerbachhalle und an den Übertragungsorten. Mein Name ist Bärbel Baumgärtner. Ich spreche stellvertretend für die Bürgerinitiative Schraienwiese.

Unsere Initiative hat sich im Herbst 2021 gegründet, nachdem deutlich wurde, dass die Verwaltung und eine große Mehrheit des Gemeinderates die Entwicklung des Gewerbegebiets befürworten und vorantreiben.

Die globale Situation hat sich geändert und verlangt neue Handlungsstrategien

Die globale Situation hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Klimakrise, Erderwärmung, Trinkwasserknappheit, zunehmende Brände, Dürre, Starkregen, Überschwemmungen, Tropenhitze in den Städten, und ein verheerender Artenschwund sind die Meldungen, die uns heute beunruhigen.

(Hier sehen wir Fotos von Urbacher Wiesen im trockenen April 2020)

Wir sind zutiefst davon überzeugt – und merken das übrigens auch in vielen Gesprächen mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern, dass diese Situation eine neue Denkweise von uns fordert und ein Handeln verlangt, das nicht mehr den altbekannten Mustern der letzten Jahrzehnte folgt. Wir müssen umdenken und uns darauf besinnen, was unsere wahren Ressourcen sind und wie wir sie schützen und erhalten können, für uns und nachfolgende Generationen.

Artenschutz und Ausgleich

Waren Sie in den letzten Wochen in den Schraienwiesen spazieren? Dann haben Sie die Wiesen in voller Blüte erlebt mit all der bunten Vielfalt, den Farben, dem Duft, dem Gezwitscher und Gebrumm und dem vielen wohltuenden Grün.

Planer, die sagen, sie könnten hier ein Gewerbegebiet erschaffen, das durch ökologische Aufwertungsmaßnahmen eine höhere Artenvielfalt aufweist als die Ausgangsfläche, sehen nur die einzelnen Zahlen und nicht den Wert, den diese Fläche im Gesamtzusammenhang des Ökosystems darstellt.

Sicherlich kann man theoretisch sagen, ein Ausgleich sei machbar.

Doch wo lassen sich in Urbach 10 ha Grünfläche so einfach ausgleichen? Wertvolle Wiesen, die aufgrund ihrer Artenvielfalt teilweise als Biotop geschützt sind. Wo gibt es den Platz dafür, die zerstörten Lebensräume wirklich gleichwertig wieder herzustellen?
Wenn wir nicht aufhören, Tieren und Pflanzen die Lebensräume zu nehmen, und meinen, wir könnten das mit einer äußerst fragwürdigen Ausgleichsregelung wieder richten, dann haben wir bald keine Artenvielfalt mehr, mit fatalen Folgen für das menschliche Dasein.

Ressourcen der Schraienwiesen

Es geht nicht nur darum, „ein bisschen Natur zu erhalten“, wie unser Anliegen mitunter banalisiert wird. Schauen wir uns den Wert, bzw. die Leistung der Schraienwiesen doch einmal näher an:

Auf den Wiesen kann das Regenwasser, das vom Hang herunterdrückt, hervorragend versickern. Der gewachsene Boden dient dabei als Filter. Er reinigt das Wasser von Schadstoffen und führt es dem Grundwasser zu. Grundwasserneubildung ist ein wichtiges Thema in Zeiten von zunehmender Trinkwasserknappheit!

Der Boden dient auch als Wasserspeicher und verringert die Hochwassergefahr. Unser Wasserverband wird nicht müde zu warnen, dass wir im Remstal extrem hochwassergefährdet sind.

Millionen Euros werden in den Hochwasserschutz investiert, aber wir bauen und versiegeln kräftig weiter, nicht nur in Urbach!

Das Grünland kühlt die Luft, entzieht ihr CO2 und versorgt sie mit Sauerstoff und Feuchtigkeit. Neue Beton- und Asphaltflächen, die ein Gewerbegebiet nun einmal hat (auch en klimaneutrales!), werden die Lufttemperatur zusätzlich aufheizen und die Frischluftzirkulation negativ beeinflussen. Ich bin überzeugt, die Menschen in den Mühläckern werden es am Kleinklima spüren, wenn die Schraienwiesen bebaut sind.

Erwähnenswert ist auch der wertvolle Humus der Schraienwiesen. 15.000 t CO2 sind darin gespeichert. Der Humus mit all seinen Billiarden von Mikroorganismen geht verloren bei der Bebauung. Das ist unverantwortlich in Zeiten eines dramatischen weltweiten Rückgangs der Humusmenge durch Flächenverbrauch und falschen Umgang mit den Böden. Auf den guten Böden der Schraienwiesen können jederzeit gute Lebensmittel angebaut werden. Mit einer Ackerzahl zwischen 45 und 60 Punkten gehören sie in die zweitbeste Kategorie der Bewertung. Wollen wir uns weiter abhängig machen von Lebensmittelimporten aus dem Ausland und unsere eigenen, sehr guten Böden weiter zubetonieren?

Die Schraienwiesen haben auch einen ideellen Wert. Sie dienen uns zur Erholung und Entspannung und prägen das Bild von unserer Heimat Urbach. Viele Kinder haben hier das Fahrradfahren oder Rollschuhlaufen geübt. Ältere Menschen nutzen die ebenen Wege zum Spaziergang. Meinen Sie, ein Gewerbegebiet, selbst mit qualitativ gut gestalteten Außenbereichen, könnte diese Aufenthaltsqualität wirklich ersetzen?
Ich zitiere ein Ergebnis der Bürgerbefragung im Zuge des Gemeindeentwicklungskonzeptes: „Aushängeschild der Gemeinde Urbach ist ihre ländliche und ruhige Lage mit direkter Verbindung zur Natur“. Dieser Punkt hat die meisten Nennungen bekommen bei der Frage, was man an Urbach schätzt. Die naturnahe Umgebung bedeutet Lebensqualität für die Leute. Das gilt es zu erhalten.

Arbeitsplätze

Dem Argument von mehr wohnortnahe Arbeitsplätzen entgegenen wir: Urbach hat 3296 Auspendler*Innen, dem stehen 2512 Einpendler*innen gegenüber, also gerade mal knapp 800 Personen mehr verlassen Urbach zum Arbeiten als hereinkommen. Damit hat Urbach in unseren Augen ein hohes Arbeitsplatzangebot!

Uns allen ist doch klar, dass bei den Kriterien, nach denen sich Menschen ihren Arbeitsplatz aussuchen, die Wohnortnähe eine eher nachrangige Rolle spielt. Wenn es sich ergibt, ist das wunderbar, doch es müssen auch viele weitere Rahmenbedingungen passen.

Es ist doch viel eher so, dass wir einen Fachkräftemangel haben. Ich darf in diesem Zusammenhang auf ein Interview der Schorndorfer Nachrichten vom 12.02.2023 mit dem neuen Vorstand des Urbacher Gewerbevereins hinweisen: Auf die Frage, wo den Urbacher Unternehmen der Schuh besonders drückt, folgt die Antwort kurz und bündig: „Jeder hat Personalmangel“
Wo sollen denn die Arbeitskräfte für die neu entstehenden Arbeitsplätze herkommen? Als neue Einpendler? Oder kommt dann zeitnah als nächstes Projekt ein neues Wohngebiet im Hofacker und Innenren Kreuzweg, wo aktuell weitere 8,2 ha Bebauung im Flächennutzungsplan ausgewiesen sind, weil wir so dringend Arbeitskräfte brauchen?

Gewerbesteuereinnahmen

Statt des großen allgemeinen Versprechens von mehr Gewerbesteuereinnahmen, würden wir uns vielmehr eine seriöse Wirtschaftlichkeitsberechnung wünschen. Haben Sie je die Gesamtkosten des Projektes berechnet unter Einbeziehung all der Folgekosten, die es Jahr für Jahr nach sich zieht?
Ein Rechenbeispiel des Gemeindetags sagt aus, dass von 100 € Gewerbesteuer derzeit 32,28 €, bei der Gemeinde verbleiben, das sind rd. 30%. Alles andere sind Abgaben und Umlagen, die die Kommune zu entrichten hat. Bezieht man jedoch die Folgekosten des Projekts mit ein, und das muss man, wenn man betriebswirtschaftlich seriös rechnet, so bleiben am Ende 15%. übrig. Das wären bei 1 Mio. zusätzlicher Steuereinnahmen gerade mal 150.000 €/Jahr.

Ich stelle hiermit zwei Fragen in den Raum:
– Reicht das für all die von Ihnen genannten Projekte, die Sie damit finanzieren möchten?
– Ist es diese Summe wert, dass wir dafür wertvolle Ressourcen zerstören? Müssen wir nicht vielmehr unser kommunales Wirtschaften überdenken, wenn wir es nicht mehr schaffen, ohne ständiges Weiterwachsen unsere Aufgaben zu finanzieren?

Für weitere Fragen zu diesem Thema steht Ihnen gern Dr. Thilo Sekol zur Verfügung. Er ist Betriebswirt und Experte für kommunale Finanzen, hat letztes Jahr hier in der Auerbachhalle über dieses Thema einen brillanten Vortrag gehalten, den man auf unserer Homepage gern anschauen kann. Er ist heute hier an unserem Infostand.


Flächenverbrauch

wir sind nicht gegen die Industrie und das Gewerbe und auch nicht grundsätzlich gegen das Bauen. Aber gerade deshalb, weil die Industrie in unserer Region so eine wichtige Rolle spielt, muss sie doch erst recht ihren Beitrag zur Bewahrung der Ressourcen leisten, so wie das jeder einzelne von uns auch tun muss.

Keine Frage, es stehen wichtige Transformationsprozesse an. Gerade darin liegt doch auch die Chance, in Zukunft Ökonomie und Ökologie viel mehr in einem Gleichklang zu denken und nicht gegeneinander auszuspielen, wie wir das jahrzehntelang gemacht haben.

Bauen und weiter entwickeln- ja, aber bitte zuerst im Bestand! Man muss Gebäude aufstocken, Parkflächen überbauen, Lücken schließen. Es gibt sicher sehr viele Möglichkeiten, wenn man nur will. Klimaneutralität anstreben- ja, bitte! Das begrüßen wir sehr und würden uns wünschen, dass bald auf jedem Firmendach, an den Fassaden und über den Parkplätzen PV Anlagen stehen, aber bitte im Bestand!

Natürlich werden die Maßnahmen im Bestand teurer sein als der Neubau der grünen Wiese. Doch wenn wir nicht bald gute Lösungen finden, um den Flächenverbrauch drastisch zu reduzieren, wird das langfristig für uns noch viel höhere Kosten verursachen.

Die letzten zwei Generationen haben so viel Fläche verbraucht wie 80 Generationen vor ihnen. Und es ist kein Ende in Sicht. Aktuell verbrauchen wir rd. 6,2 ha täglich in Baden- Württemberg, das sind 9 Fußballfelder, die jeden Tag zubetoniert werden mit Straßen und Gebäuden.

Wir Urbacher haben es nun in der Hand. Am 23.Juli werden wir entscheiden, ob wir 14 weitere Fußballfelder in den Schraienwiesen zusätzlich verbauen wollen.

Ich bitte Sie daher, gehen Sie zur Wahl und setzen Sie ihr Kreuz bei NEIN

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!